Seit den siebziger Jahren haben nicht nur technologische Entwicklungen den Arbeitsalltag in allen westlichen Industrieländern verändert; auch in der betriebswirtschaftlichen Führungslehre sind Wandlungsprozesse vor sich gegangen, die die Berufswelt spürbar reformiert haben. Während vor zwanzig Jahren das Prinzip des Systems bzw. des Kollektiven noch unhinterfragt den Orientierungspol der führungstheoretischen Fachdiskussion bildete, hat sich inzwischen unter dem Schlagwort "Individualisierung" eine neue Sichtweise durchsetzen können, die die in Arbeitsprozesse eingebundenen Personen mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen stärker in den Mittelpunkt der betrieblichen Organisation zu rücken versucht. Entstanden ist ein verändertes Menschenbild, das sich an den einzigartigen Bedürfnissen jedes einzelnen Individuums orientiert, und so unter der Bezeichnug der "individualisierte Organisation" ein neues Konzept begründet. Unter dem Gesichtspunkt des Individualisierungsgedankens betrachtet, lässt die Telearbeit ein beachtliches Spektrum interessanter Potentiale erkennen, die in den siebziger und frühen achziger Jahren noch verborgen geblieben waren. Damals hat man sich fast ausschliesslich aus ökologischer Sicht mit diesem Phänomen beschäftigt. Telearbeit scheint Individualisierungsbestrebungen im Arbeitsleben in einzigartiger Weise entgegenzukommen. Genau darin könnte eine der wesentlichen Chancen für eine aktuelle Wiederbelebung und Neuinterpretierung des Telearbeitskonzepts liegen. Auch wenn die Argumente, mittels deren die Telearbeit in ihrer Frühphase propagiert worden ist, ihre Stichhaltigkeit nicht eingebüsst haben, so muss doch festgehalten werden, dass sie dieser Arbeitsform bisher nicht zum Durchbruch verhelfen konnten. Sie sollen deshalb in dieser Studie weniger eingehend behandelt werden als die Fragen, die den Themenkomplex "Individualisierung" betreffen. Wer sich ein eigenständiges Urteil bezüglich der Zukunftschancen der Telearbeit bilden will, muss sich zunächst die wichtigsten Sachkenntnisse aneignen, die diese sozio-technische Innovation in ihrer Komplexität erst verständlich machen. Im Kapitel "Grundlagen" werden die wesentlichen Merkmale der Telearbeit diskutiert und essentielle Hintergrundinformationen geliefert, auf deren Basis am Kapitelende eine umfassend kommentierte Begriffsdefinition formuliert wird. Ohne die Möglichkeit, im Rahmen von wissenschaftlichen Fragestellungen auf einen präzis definierten Begriff der Telearbeit zu beziehen, scheint es illusorisch, zu unter sich vergleichbaren qualitativen oder quantitativen Aussagen bezüglich dieses Phänomens zu gelangen. Dass in der Forschungsliteratur eine allgemeinakzeptierte begriffliche Grundlage bisher fehlt und widersprüchliche Untersuchungsergebnisse daher in grosser Zahl auftauchen, wird an verschiedenen Stellen dieser Arbeit deutlich werden. weiter