Arthur Ruthishauser

Das Hauptquartier der Firma Zutt und Partner, Pionier der modernen Heimarbeit, ist ein massives altes Haus beim Bahnhof in Bubikon. Auf den ersten Blick würde hier keiner ein Zentrum einer mit modernster Telekommunikation vernetzten Firma vermuten. Vor 15 Jahren stellte die Werbeagentur auf Telearbeit um. Das Dilemma der modernen Werbewelt löste den Wechsel in die damals sehr exotische Arbeitsform aus: In der Branche herrscht ein hektischer Wettbewerb um Aufträge. Erfolgreiche Kreative müssen zuweilen auch 15 Stunden pro Tag arbeiten, manchmal bis spät in die Nacht, wenn man Erfolg haben will. Wenn die Kinder ihren Vater nur am Wochenende sehen, stört dies das Familienleben natürlich stark.

Der Ausweg aus der "vaterlosen Gesellschaft"

Hans Peter Zutt wollte dies nicht einfach als Zeiterscheinung akzeptieren. Zwar war er entschlossen, seinen Traum vom beruflichen Erfolg im angestammten Beruf zu verwirklichen, gleichzeitig wollte er aber auch miterleben, wie seine Kinder heranwachsen. So begann er eine alternative Arbeitsform zu suchen, einen Ausweg aus der "vaterlosen Gesellschaft" mit den Mitteln moderner Telekommunikation.

Daneben zeigten sich auch noch einige andere Vorteile: Der Firma bleiben wertvolle Mitarbeiterinnen erhalten, die sonst ausscheiden würden, wenn der Arbeitsort flexibel ist. Dank der Telearbeit konnten Mütter auch nach der Geburt ihres Kindes das berufliche Engagement zu Hause fortsetzen. Für die Frauen verbesserten sich die beruflichen Chancen entscheidend. Auch ökologische Gedanken waren im Spiel. Durch die dezentrale Telearbeit verkürzten sich die Arbeitsweise und damit reduzierte sich der Benzinverbrauch ganz erheblich. Das Motto: "Datenverkehr statt Strassenverkehr."

Vom Fax und Telefon ...

Der Traum des vollintegrierten Arbeitsplatzes zu Hause oder gar im Ferienhaus hat sich dank den Fortschritten im Bereich der Telekommunikation mittlerweile erfüllt, die Kinder sind erwachsen. "Doch dies zu erreichen war nicht so einfach", meint Philipp Zutt, Sohn des Geschäftsführers, Auslöser und Nutzniesser der Pionierarbeit seines Vaters. Er arbeitet mittlerweile im Betrieb als Verantwortlicher für die Öffentlichkeitsarbeit der Firma.

Bevor Zutt und Partner den ersten Arbeitsplatz auslagerte, machte sie ein Experiment: Die Werber simulierten, dass die Büros, die eigentlich Tür an Tür lagen, 15 Kilometer voneinander entfernt seien.

... zum ausgeklügelten Kommunikationssystem

Sie schlossen die Bürotüren ab und kommunizierten fortan nur noch per Fax oder Telefon. Bewusst reduzierten sie die spontanen persönlichen Kontakte auf das Minimum und ersetzten sie durch geplante Besuche. Sowohl die Zusammenarbeit wie auch die Kommunikation funktionierten sehr gut. Ermutigt durch die positiven Resultate fingen sie an, räumlich getrennte Büros, sogenannte "Zellen" oder "Workstations", zu realisieren.

1985 bezog die Werbefirma zwei neue Zellen in Wolfhausen und Stäfa und sammelte erste Erfahrungen im Tele-Management. Die Organisation der Zellen bedingte ein neuartiges Führungssystem. Hans Peter Zutt und seine Mitarbeiter machten sich dabei die neuesten Entwicklungen der Kommunikationstechnik zunutze oder entwickelten selbst die Lösungen:

Die Akquisition der Projekte und deren Aushandlung mit den Kunden bleibt weiterhin Chefsache. Das Verhandlungsresultat delegiert er an einzelne Projektteams mit drei bis vier Mitarbeitern. Diese Teams bearbeiteten nachfolgend die Aufträge und rapportieren die Projektfortschritte übers Netz.

Primäres Koordinationsinstrument bildet dabei die Planungsliste. Sie legt, Analog zum herkömmlichen Funktionendiagramm, für jedes Projekt die nötigen Arbeiten, die verantwortlichen Aufgabenträger und die von ihnen zu erreichenden Ziele fest.

Die "Zellen" führten die tägliche Projektarbeit aus. Die notwendige Kommunikation zwischen den einzelnen Terminals erfolgt über elektronische Mailboxen, wo Nachrichten und Anfragen deponiert werden können. Hans Peter Zutt findet jeden Abend gegen 50 Kontaktrapporte und Detailfragen in seiner Mailbox, welche er bearbeiten muss. Er fällt etwa 80% der Projektentscheidungen auf diesem Weg. Für dringende Rückfragen bestehen fest vereinbarte Telefonzeiten, via Freisprechanlagen halten die "Zellen" Telefon-Konferenzen ab. Für ausserordentliche Anlässe sind Sprechstunden beim Chef vorgesehen. Zweimal wöchentlich finden institutionalisierte Besprechungen statt.

Jede Zelle eine Zentrale

Die Kunden bemerkten anfangs gar nicht, dass in der Firma Zutt räumlich getrennt gearbeitet wurde. Durch die durchwegs positiven Erfahrungen bestärkt, gingen die Pioniere daran, das Modell weiter auszubauen. Neuerungen der Computertechnik und Eigenentwicklungen wurden dazu verwendet, die Funktionsweise der Telearbeit zu perfektionieren. Inzwischen kann jede Arbeit, von der Finanzbuchhaltung bis zur Computergraphik, von jeder "Workstation" aus erledigt werden.

Alle Mitarbeiter wurden eingeführt, umgeschult und laufend weitergebildet, die Hierarchiestruktur dem Modell des individualisierten Arbeitsortes angepasst. Verantwortung und Kompetenzen delegierte Hans Peter Zutt in die "Zellen". Sukzessive richtete er weitere Workstations ein, heute sind es bereits 15. Eine davon ist das Ferienhaus der Familie Zutt, von wo aus im Sommer der Betrieb geleitet wird, ein weiterer Traum ging damit in Erfüllung. weiter

 
 
 
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