Im Wohnzimmer arbeiten

In den Aussenzellen arbeiten Grafiker oder Kommunikationsberater statt im Büro in Bubikon bei sich zu Hause, aber wie im Büro. Sie sind per Quick-Mail über Modem mit dem Macintosh-Netzwerk in Bubikon verbunden. Eine Mietleitung, die gleichzeitig acht Datenkanäle und einen Telefonkanal übertragen kann, verbindet Bubikon und Wolfhausen. «Wir arbeiten vor allem mit Grafikdaten, und da wachsen die Files schnell. Ausser wenn's besonders eilt, müssen wir heute über 500 KByte grosse Files per Cartridge verschieben. Das ist aber nicht das Ziel der Übung, wir warten schon lange auf Swissnet, das rund zehnmal schneller als das Modem ist», meint Will.

Roland Laux arbeitet als Kommunikationsberater in einer «Aussenzelle» der Agentur in St. Gallen am Mac. Jeden Morgen loggt er sich kurz im MAI in Bubikon ein, holt seine elektronische Post und meldet sich zur Arbeit. Die Session dauert nur einige Minuten, doch seine Kollegen wissen jetzt: Der Laux ist erreichbar. Lokal auf seinem Mac arbeitet Laux an den Texten für die Agentur. Den fertigen Text schickt er mit QuickMail telefonisch nach Bubikon. Am nächsten Tag findet er auf seinem Telefonbeantworter ein Feedback, verarbeitet die Kritik und sendet den Text erneut nach Bubikon. Diesmal gibt er den Text aber frei und schickt dem Grafiker eine Message in die Mailbox, der Text sei abholbereit.

Telearbeit verlangt Disziplin

«Ich könnte nicht für diese Agentur arbeiten, wenn ich pendeln müsste», stellt Laux fest. «Für meinen Arbeitsweg müsste ich mit dem Zug eineinhalb Stunden und mit dem Auto noch viel länger einrechnen.» Daten - statt Personenverkehr: Die Telearbeit ist ökologisch. René Will etwa hat ausgerechnet, dass er dank Telearbeit pro Jahr rund 1000 Liter Benzin spart, die er - müsste er zwischen Oberengstringen und Bubikon pendeln - in die Luft blasen würde.

Für Führung und Kontrolle ist trotz der räumlichen Distanz zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber gesorgt: Laux tippt jeden Abend online seinen Arbeitsplan für den nächsten Tag auf eine halbe Stunde genau in eine MAI-Applikation. Sobald er sich ausgeloggt hat, steht sein Arbeitsplan jedem zur Verfügung. Wer einen Termin mit einem Arbeitskollegen buchen will, fragt den Computer, innert Sekunden legt der Rechner den Termin, an dem alle Beteiligten frei sind, fest und fragt die Eingeladenen automatisch, ob ihnen der Termin recht sei.

Das Telefon ist und bleibt unentbehrlich im Geschäftsalltag. Dazu kom- men Telefax, Mail-Box, Voice-Mail, Sprachbriefkästen, Telefonbeantworter usw., und im Verbund ergibt sich der optimale Kommunikations-Mix.  

 

Beherrschbare Technik

Technisch ist Telearbeit keine Zauberei. «Wir arbeiten nur mit Standardprodukten: AppleTalk und 9600-Bit/s-Modems für die Kommunikation, im Mutterhaus ein Fileserver für die Datensicherheit, der Aufwand ist nicht sehr gross», meint EDV-Verantwortlicher Will. «Die Apple-Applikationen sind so einfach zu bedienen, dass wir kaum Schulung einsetzen müssen, unsere Angestellten Iernen by doing». Das grösste Problem sei die Leitung. «9600 Bit/s waren vor drei Jahren noch sehr schnell, heute sehnen wir uns nach ISDN», meint Will. Nicht von ungefähr: Die bei der Arbeit mit Programmen wie «XPress», «Freehand» und «Photoshop» anfallenden Files seien halt einfach riesig, meint Will.

Als «Kommunikationsberater» behält die Werbeagentur die Erfahrungen, die sie als Telearbeits-Pionier gemacht hat, nicht für sich, sondern berät andere Firmen, wie sie mittels Telekommunikation in der Telearbeit erfolgreich Raum und Zeit überbrücken können. (mwz)

Telearbeit in der Schweiz

1988 prophezeite die ETH Zürich in der Studie «Manto», dass bis zum Jahr 2025 in der Schweiz über 200000 Menschen ihr Brot mit Telearbeit verdienen würden, was den Pendlerverkehr spürbar reduziert hätte. Die Realität in der Schweiz sieht indessen anders aus: Obwohl die Infrastruktur hierzulande wohl die weltbesten Voraussetzungen bietet, ist bis heute der grosse Telearbeits-Boom ausgeblieben. Daher ist die Zahl der Telearbeiter wie Programmierer, in der kaufmännischen Administration und der Druckindustrie Tätige (Texterfassung, Inserate-Akquisition und Journalismus) eher gering.

IBM Deutschland vollzog 1991 nach einer vierjährigen Testphase den grössten Schritt in Richtung Zukunft. Sie stellt rund 20 000 Beschäftigten einen Computer für die Heimarbeit zur Verfügung. Auf Antrag können nun die Mitarbeiter abwechselnd zu Hause oder im Büro arbeiten.

Der Trend in der Schweiz geht eher in Richtung kollektiver Telearbeit. Damit soll verhindert werden, dass Telearbeiter vereinsamen. Die grössten Bemühungen um Telearbeitszentren werden im Rahmen des Projekts «Kommunikations-Modellgemeinden» unternommen. Zu den ersten Förderern der Telearbeit gehört in der Schweiz die SKA: Die Bank begann 1984, ihre Infommatikabteilung zu dezentralisieren. Heute arbeiten rund zehn Prozent der 1200 SKA-Informatiker in acht verschiedenen Telearbeitszentren.

«Vereinsamung wegen der Telearbeit - das gibt es bei uns nicht», stellt Texter Roland Laux fest. Ein Grund sei sicher die intensive Kommunikation mit der Mutterzelle. Telearbeit ist auch aus sozialen Gründen interessant: «Ich arbeite in einem persönlichen Umfeld, habe mehr von meiner Familie und geniesse mehr Freiheiten.» Diese Vorteile kommen dem gesamten Unternehmen zugute: «Ich bin kreativer.» Laux gibt zu, dass trotz räumlicher Nähe zwischen Arbeit und Familie getrennt werden muss. «Wer Kinder hat, muss ihnen beibringen: Wenn der Vater im Büro ist, darf er nicht gestört werden, auch wenn das Büro nur ein Zimmer weiter liegt.» (mwz)  
 
 
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