INDUSTRIELLE HEIMARBEIT:
Gemma und Angela Deplazes bauen in Surrein in Surrein GR Mikroschalter für eine Churer Firma zusammen

60 Prozent der Arbeitnehmer in der Schweiz wären bereit, zu Hause zu arbeiten. Doch die Arbeitgeber sind dagegen. Zu Unrecht, denn Heimarbeitbringt beiden Seiten Vorteile und ist eine Arbeitsform mit Zukunft

TEXT: THOMAS WEHRLI  FOTOS: UELI BUGMANN

Mit flinken Fingern setzt Gemma Deplazes die kleinen Metallteilchen auf ihrem Pult zu einem Schalter zusammen, kontrolliert das fertige Stück unter dem Mikroskop und legt es in die halbgefüllte Schachtel auf ihrem Tisch. 96 Sekunden rechnet die Firma für die Montage eines Mikroschalters. Gemma schafft es in 60. “Nach 13 Jahren hat man eben Übung“, schmunzelt die 56jährige, rückt ihre Plastikhaube zurecht und nimmt den nächsten Schalter in Angriff.

Gemma Deplazes ist Heimarbeiterin. Seit 13 Jahren setzt sie im Auftrag einer Churer Firma Mikroschalter für die Autoindustrie zusammen. Sie legt den nächsten Schalter in die Schachtel, blickt durch das Fenster auf ihr Dorf. “Ich bin dankbar, dass ich diese Arbeit habe“, meint sie leise, “denn in Surrein gibt es sonst für Frauen keine VerdienstmögIichkeiten.“ Für Männer auch nicht. DieIndustrialisierung ist spurlos am 300-Seelen-Ort zwischen Chur und Disentis vorübergegangen. Keine Fabrik, kein Gewerbebetrieb hat sich angesiedelt. Selbst der öffentliche Verkehr lässt das kleine Bündner Dorf links liegen: Kein Zug, kein Bus fährt nach Surrein.

Wieder ist ein Schalter fertig, wandert in die Schachtel auf ihrem Pult. Bis zu 1200 Stück montiert die Bündnerin pro Woche. 57'600 im Jahr. 748'800, seit sie diese Arbeit macht. Sicher, die Tätigkeit ist nicht abwechslungsreich. Aber eben: “Sonst hätten wir gar keine Arbeit.“ Wir, das sind 15 Frauen aus Surrein und Umgebung. Die meisten von ihnenhaben kleine Kinder. Sie alle arbeiten während 15 bis 20Stunden pro Woche; zu Hause oder im Heimarbeitsatelier im Schulhaus. Sie alle sind froh über diese Arbeit, denn sie sind auf den finanziellen Zustupf angewiesen.

Mehr als ein Zustupf ist es nicht. Denn die industrielle Heimarbeit ist noch immer schlecht bezahlt, und die Angestellten werden meist pro Stück bezahlt. Stundenlöhne von weniger als 15 Franken sind keine Seltenheit. Daran ändert auch das geltende Gesetz nichts, wonach angestellten Heimarbeitern der gleiche Lohn wie Betriebsarbeitern zusteht. Industrielle Heimarbeit bringt sehr oft nicht einmal einen Bruttostundenlohn von 12 Franken ein. weiter

 
 
 
Punkt 

Punkt 

Vor

Zurück