Im Satellitenbüro wird der Teamgeist verstärkt
Die Firma Alcatel richtete vor über zehn Jahren im thurgauischen
Aadorf einen derartigen Zweigbetrieb ein - allerdings nicht ganz
freiwillig: In Zürich fanden sich keine qualifizierten Software-Entwickler
mehr. Peter Schwager sagte es damals deutlich: «Ich arbeite für
euch, aber ich mag nicht mehr in die Stadt pendeln.» Der Entscheid
für das Satellitenbüro sei dann unbürokratisch und schnell gefällt
worden, erinnert sich Schwager. Und das Interesse an den Arbeitsplätzen
auf der grünen Wiese - direkt in der Wohngemeinde von Peter Schwager
gelegen - war von Anfang an gross. Heute entwickeln in Aadorf
sieben Software-Programmierer neue Programme, beispielsweise für
den internationalen Auskunftsdienst. Fast alle wohnen in der näheren
Umgebung, die meisten können mit dem Fahrrad oder gar zu Fuss
kommen. Peter Schwager leitet das weitgehend autonome Aussenbüro.
Wenn er einmal wöchentlich an den Hauptsitz nach Zürich reist,
stellt er jeweils eine gewisse Anonymität fest: "Bei uns im Satellitenbüro
kann man sich nicht verstecken, der persönliche Kontakt ist sehr
wichtig. Man kann sich nicht querstellen." Der Erfolg der ausgegliederten
Entwicklungsgruppe gab dem Modell recht: Die Effizienz in Aadorf
ist sehr hoch. Zudem wird länger gearbeitet - die wegfallende
Pendelkeit wird oft zur zusätzlichen Überzeit.
Familienvater Peter Schwager ist mit der Situation in Aadorf zufrieden.
Einziges Problem: «Es ist schwierig, junge Mitarbeiter zu finden.
Zum einen, weil sie das Pendeln weniger nervt - und zum andern
wegen den Aufstiegsmöglichkeiten.» Tatsächlich gibt es in Aadorf
nur gerade zwei Hierarchiestufen. «Wenn Leute von uns an den Hauptsitz
wechseln, geht's immer um die Karriere», erklärt Schwager.
Eine weitere Möglichkeit, dezentral zu arbeiten, aber die zwischenmenschlichen
Kontakte zu erhalten, ist die alternierende Telearbeit. Für diese
Arbeitsform hat sich Colette Blatti entschieden. Die Geburt ihrer
Tochter Belinda im Frühling dieses Jahres bedeutete für sie nicht
das Ende der beruflichen Tätigkeit. Sie profitiert vom Mutterschaftsprogramm
der Computerfirma IBM. «Ich hätte das Minimalpensum von 15 Stunden
pro Woche auch zu Hause erfüllen können, doch ich wollte den Kontakt
zu den Arbeitskollegen aufrechterhalten», sagt die junge Mutter.
Jeden Mittwoch arbeitet sie deshalb am Hauptsitz und erfährt so
immer, was in der Firma läuft. Weitere acht Stunden arbeitet sie
zu Hause in Zürich-Altstetten. «Verteilt auf den Rest der Woche,
macht das zwei Stunden pro Tag. Das ist - zumindest jetzt noch
- neben dem Kind kein Problem», sagt sie. Die Aufträge und Abgabetermine
für die Sekretariatsarbeiten schicken die Vorgesetzten - meistens
Manager, die viel unterwegs sind - per Datenleitung direkt ins
Laptop. «Wenn mal etwas sehr drin- gend ist und Belinda nicht
schlafen will, kann ich sie zum Glück zur Grossmutter bringen»,
erklärt Blatti. Dank alternierender Telearbeit lassen sich Familie
und Berufstätigkeit miteinander vereinbaren - doch mehr als ihr
40-Prozent-Pensum kann und will Colette Blatti momentan nicht
bewältigen.
Den Werber Hans-Peter Zutt bewogen Anfang der achtziger Jahre
ähnliche Gründe, erste Versuche mit Telearbeit zu wagen. Da sich
eine Familie und eine Managerkarriere in der Regel schlecht vertragen,
schlossen er und sein Partner versuchsweise die Türen ihrer Büros
und kommunizierten nur noch per Telefon. Das klappte gut, und
bald richteten die beiden zu Hause Heimbüros ein. Heute besteht
die Firma Zutt & Partner aus sechs mittels Kommunikationsnetzwerk
verbundenen dezentralen Büros - eines davon in Zutts Alphütte
im bündnerischen Riein/Signina, von wo aus der Familienvater wochenweise
seine Agentur leitet. «Präsenz heisst ja nicht zwingend physische
Präsenz», schmunzelt Zutt. Rund 80 Prozent der Tätigkeiten benötigten
keine direkte Interaktion, meint er. Für den Rest müsse man aber
konsequent Zeit einplanen und das offene Gespräch suchen. Der
Werber liebt prägnante Formulierungen: «Neue Freiheit bringt auch
neue Disziplin.»
Die Agentur funktioniert jedenfalls prächtig. Der Hauptharst befindet
sich in Bubikon. Der Chef selbst agiert aber meistens im Büro
in Wolfhausen, das an Zutts Wohnhaus angebaut ist. «Die direkte
Verbindungstür zwischen der Wohnung und meiner Kommandozentrale
werde ich bald zumauern», witzelt der Macher.
Der Pionier kennt die Gefahren der Telearbeit aus eigener Erfahrung.
Wenn der Job so nahe ist, wird die Abgrenzung zum Privatleben
schwierig. Eine Studie in England, dem in Europa führenden Teleworking-Land,
jedenfalls ergab erst kürzlich, dass Heimarbeiter rund 11 Prozent
länger arbeiten als im Büro. In den Vereinigten Staaten macht
man sich deshalb bereits Gedanken darüber, wie man masslos streberische
Telearbeiter bremsen könnte.

Werber Hans-Peter Zutt in seinem Garten im zürcherischen Wolfhausen:
Per Kommunikationsnetzwerk erreicht er die Zweigstellen in seiner
Agentur. Im Wohnhaus befindet sich auch seine Kommandozentrale:
"Diese Nähe ist gefährlich - die klare Abgrenzung ist wichtig."
Deshalb will er, wenn er mit Laptop und Natel draussen sitzt,
nicht mit Privatem gestört werden.
Infos zur Telearbeit
Weitere Informationen zur Telearbeit gibt die Schweizerische Zentralstelle
für Heimarbeit in Bern. Sie vermittelt auch Telearbeitsplätze.
In Zusammenarbeit mit Zutt & Partner werden Beratungen bei technischen
und organisatorischen Problemen beim Einrichten eines Telearbeitsplatzes
geboten. Zurzeit wird eine Videodokumentation über Teleworking
für Arbeitgeber produziert.
Kontaktadresse: Schweizerische Zentralstelle für Heimarbeit, Schwarztorstrasse
7, 3001 Bern, Telefon 031- 322 28 30, Fax 031- 322 27 54
Formen der Telearbeit
Alternierende Telearbeit
Die Telearbeiter sind abwechselnd zu Hause und im Büro tätig.
Die sozialen Kontakte bleiben erhalten. Das Heimbüro ist per Datenleitung
mit dem Arbeit- oder Auftraggeber verbunden. Der Arbeitsplatz
im Büro wird bei einigen Modellen von mehreren Mitarbeitern benützt
(Desk-sharing). Die häufigsten Varianten sind 4 + 1 (vier Tage
im Büro, ein Tag zu Hause) oder 3 + 2.
Satellitenbüro
Eine Arbeitsgruppe eines Unternehmens wird dezentralisiert und
über eine Datenleitung verbunden. Die Satellitenbüros werden meist
in der Agglomeration eingerichtet. Dadurch entfallen Pendelwege
in die grossen Städte. Und die Gruppen können autonom und ohne
Störungen arbeiten. Zusätzlicher Vorteil: Der Teamgeist wird verstärkt.
Nachbarschaftsbüro
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschiedener Unternehmen arbeiten
in einem gemeinsamen Büro in ihrer Nähe, beispielsweise in einem
Nachbarschaftszentrum. Alle sind per Datenleitung mit ihrem Arbeitgeber
verbunden. Dadurch bleiben die Arbeitswege kurz, und trotzdem
droht keine Vereinsamung vor dem Bildschirm.
Isolierte Telearbeit
Die Arbeitnehmer richten in der Wohnung ihr Büro ein und sind
per Datenleitung mit dem Arbeitgeber verbunden. Der direkte Kontakt
beschränkt sich auf Sitzungen mit den Vorgesetzten. Der zwischenmenschliche
Kontakt unter den Mitarbeitern fehlt, da im Unternehmen selbst
kein Arbeitsplatz vorhanden ist.
DANIEL MEIER (TEXT)
MARCEL STUDER (FOTOS)